Gegen 1 Uhr nachts kam Jongin. Er hatte ihr geschrieben und sie hatte ihm gesagt, wo sie war. Tatsächlich teilte sie wieder ihren Standort mit ihm, doch er wollte ihr neu gewonnenes Vertrauen in ihn nicht ausnutzen und ihr hinterher spionieren.
Er fand eine ziemlich angedüddelte Skye bei Jaejoong und Noah an der Bar.
„Bebecito!“, rief sie fröhlich und verschüttete dabei den Shot in ihrer Hand.
„Wie viele davon hatte sie?“, fragte er grinsend und legte den Arm um sie.
„Zwölf!“, sagte Skye stolz.
„Das wäre der Vierte gewesen“, korrigierte Noah und rollte die Augen.
„Lüge!“, beschwerte sich Skye und Jongin lachte fröhlich. Eigentlich war Skye recht trinkfest.
„Na, ich glaube da verträgt sich etwas nicht mit deinen Medikamenten“, stellte er fest und suchte ihre Tasche.
„Kannst du laufen oder soll ich dich tragen?“
„Natürlich kann ich laufen!“
Was sollte denn diese Bemutterung?! Skye stand auf und stürzte sogleich in Jongins Arme.
„Der Boden ist so abschüssig“, meinte sie grinsend und biss sich verlegen auf die Unterlippe.
„Okay, ich trage dich.“
„Ich helfe dir“, kam es von Jaejoong, der sich die Krücken schnappte und Jongin Skyes Tasche abnahm.
„Aber warte: Skye, wie hoch ist die Chance, dass du mir ins Auto kotzt?“
Noah fing fröhlich an zu lachen und Skye schaute ihn nur entsetzt an.
„Sie sind gerade gestiegen!“
„Liebes, ich meine das ernst. Noah, hast du …?“
Doch der Mann griff schon unter die Theke und reicht Jongin eine Tüte. Skye kam nicht darüber hinweg, als hätte sie ihren Körper nicht unter Kontrolle!
Jongin nahm sie auf den Arm und Jaejoong machte die Türen auf und drückte auf die Fahrstuhlknöpfe. Die Amerikanerin schaute Jongin mit großen Augen an.
„Was?“, fragte er lachend. Ihr Daumen fuhr über seine Unterlippe.
„Du hast so weiche Lippen … Mia hatte gesagt, dass du nicht weißt, was du damit tun kannst, dabei weißt du ganz genau, was du damit tun kannst.“
Er biss ihr sachte in den Finger, aber auch nur um zu verbergen, wie verlegen sie ihn machte. Jaejoong stand mit den Rücken zu ihnen, weil er wartete, bis der Fahrstuhl sich öffnete, und rollte mit den Augen.
Jongin schnallte sie in seinem Lamborghini fest. Was war mit Idols und diesen Sportwagen? Ihr Jeep war viel gemütlicher. Taehyung hatte auch ein großes Auto gehabt – hatte ihr auch nicht geholfen.
„Gute Nacht OWB!“, rief sie Jaejoong zu und winkte fröhlich.
Jongin zog die Augenbrauen zusammen und schaute fragend zu dem Älteren.
„Willst du nicht wissen“, beschloss er und drehte sich um.
Im Auto wurde Skye nicht besser. Sie hatte es geschafft sich halb schräg im Schneidersitz hinzusetzen. In Anbetracht der Tatsache, dass man in einem Lamborghini festgeschnallt war, wie in einer Achterbahn, war das beachtlich. Er fuhr nicht schnell, deswegen war es ihm egal. Ihre Finger fuhren durch seine Haare. Sie liebte diese Haare!
„Du bist touchy, wenn du betrunken bist“, stellte er amüsiert fest.
„Ich bin nur bei bestimmten Leuten touchy und ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich nicht betrunken bin.“
Er glaubte ihr kein Wort, zumindest nicht was das ‚betrunken‘ betraf.
Zuhause beschloss Skye als erstes, dass er bei ihr schlafen würde und dann, dass sie im Gryffindor Raum schlafen würden. Ihm war das etwas zu weit weg von der nächsten Toilette, falls sie sich doch übergeben musste, aber gut, Mademoiselle beharrte ja darauf, dass sie nicht betrunken war. Er nahm sich eine seiner Jogginghosen und eines seiner Shirts. Es war beachtlich, wie viele Klamotten von ihm in ihrem Kleiderschrank zu finden waren.
Sie hatten es sich auf dem Palettensofa gemütlich gemacht, genug Decken gab es und es war auch warm hier oben. Die beiden lagen nebeneinander, als Skye sich irgendwann aufsetzte und brummte. Jongin schlug nur die Hände über’s Gesicht und lachte.
„Was ist denn jetzt?!“
„Es ist so tragisch, dass wir keinen Sex haben können. Ich hätte so Lust!“
Wer dachte, dass Skye im normalen Zustand schon keinen Filter hatte, der hatte sie noch nicht betrunken erlebt.
„Rein theoretisch, wieso können wir keinen Sex haben? Ich frage für einen Freund.“
„Weil es unvernünftig wäre. Taehyung hat gerade erst Schluss gemacht … vor nicht mal zwei Wochen hat er um meine Hand angehalten…“
„Wozu du ‚nein‘ gesagt hast.“
„Zurecht, offensichtlich! Jedenfalls wenn das hier“, sie deutete zwischen sich und ihm hin und her, „wieder etwas werden soll, müssen wir es etwas langsamer angehen lassen. Und ich habe das Siwon Date nächste Woche. Ich glaube, wenn er dieses Date nicht bekommt, wird er wirklich, wirklich sauer. Und dann bist du mit Super M in Amerika und frühestens dann, wenn du wieder da bist, macht es Sinn das hier“, wieder fuchtelte sie mit dem Arm, „zu vertiefen.“
Es war faszinierend, dass sie praktisch einen Businessplan für ihre Beziehung, über die sie nicht sprachen, aufgestellt hatte.
„Ich dachte, du kommst vielleicht mit nach Amerika“, wand er ein.
„Auf gar keinen Fall, hast du dir mal euren Schedule angeschaut? Der ist geistig, dass mache ich nicht mit.“
Fünf Städte in neun Tagen. Es war purer Stress.
„Wann hattest du das letzte Mal Sex?“, fragte er und er wusste, dass er in diesem Zustand wahrscheinlich viel zu viele Informationen bekommen würde.
„Vor …“, sie grübelte und rechnete, „etwas weniger als 2 Wochen? Aber weißt du, man gewöhnt sich an sowas. Als ich im Sommer weg war, war ich so diszipliniert gewesen! Keine Zigaretten, kein Alkohol, kein Sex und kaum bin ich wieder in Korea…“
„Du nimmst mich auf den Arm! Du hattest im Sommer nichts am Laufen?“
Die Amerikanerin schüttelte den Kopf.
„Wann hattest du das letzte Mal Sex?“, fragte nun sie und auch wenn sie da schon etwas munkeln gehört hatte, so wusste sie nicht, ob es wirklich eine zuverlässige Quelle war.
„Im Juli, mit dir. Und davor im Mai – mit dir.“
Nun schaute sie ungläubig an.
„Im Leben nicht!“
„Doch – also, ich habe es versucht, aber ich konnte nicht.“
„Wie du konntest nicht? Vorgestern, als du hier geschlafen hast, wärst du sehr wohl in der Lage gewesen…“
„Ja, weil du es bist. Der Kopf fickt eben doch etwas mit.“
Traurig schaute sie ihn an.
„Oh nein! Es ist SO tragisch, dass wir keinen Sex haben können!“
Da lachte er fröhlich.
„Kein Problem, ich kann warten, ich habe den kalten Entzug schon hinter mir. Aber wenn du magst, kann ich dir helfen …“
Er drehte sich und setzte sich hinter sie.
„Es ist deine Entscheidung, ich kann dir helfen, aber egal wie sehr du bettelst, wir werden keinen Sex haben – du hast einen Zeitplan“, raunte er ihr ins Ohr und zog sie näher zu sich. Seine Hände gingen auf Wanderschaft und Skye schloss die Augen. Er war so warm und doch hatte sie eine Gänsehaut. Mit einer Hand hielt er sie fest, doch seine andere Hand wanderte in ihre Pyjamahose.
„Fuck“, keuchte sie und wand sich unter seinen geschickten Fingern, doch er hielt sie fest im Griff. Seine Lippen küssten ihren Hals.
„Du weißt gar nicht, wie sehr ich dich vermisse.“
„Jongin …“, er hörte ihre stille Bitte und grinste.
„Nein Liebes, wir machen das jetzt richtig und nichts Überstürztes aus den richtigen Gründen.“
Sie hasste es, wenn er sie zitierte, wenn sie zu abgelenkt war, um schlagfertig zu sein.
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Danach schlief Skye wie ein Baby. Sie hatte sich an ihn gekuschelt und versprochen es wieder gut zu machen.
Gegen 9 Uhr wachten sie auf. Skye streckte sich und schaute in Jongins Augen.
„Na, erholt?“ Ein freches Grinsen lag auf seinen Lippen. Skye musste kurz in der Kiste der Erinnerungen kramen. Sie merkte wie ihre Wangen heiß wurden und er fing an zu lachen.
„Kleiner Freundschaftsdienst“, sagte er und winkte ab.
„Ich möchte, dass du keine anderen Freunde hast“, stellte sie klar. Skyes Drunk-Me hatte heute Nacht eine ganz schön lockere Zunge gehabt, sie musste das erst einmal in Gedanken Revue passieren lassen. Sie würde nie wieder mit Jaejoong trinken gehen!
Zuerst ging sie duschen, das war nötig und Jongin musste los. Oben von ihrem Schlafzimmer schaute sie ihm nach, wie sein Wagen um die Ecke verschwand. Was machte sie nur? Das mit Taehyung lag erst ein paar Tage zurück. Das stimmte nicht so ganz. Es fing vor zwei Wochen an zu bröckeln, als Jongin Krystal gesagt hatte, sie seien wieder zusammen. Taehyung hatte sich amüsiert und zugestimmt, doch wahrscheinlich war das der Anfang vom Ende. Von da an hatten sie sich weniger gesehen. Er hatte sich zurückgezogen und ihr war es nicht aufgefallen, weil sie selbst immer so viel zu tun hatte. Immer war so viel los. Es konnte einem schwindelig werden, so viel passierte ständig. Als würden sie in einem Breakdancer sitzen, der niemals stillstand.
Nach der Dusche ging sie runter in die Küche, wo sie auf Jungkook stieß. Er streckte den Zeigefinger nach ihr aus.
„Du hattest Sex mit Jongin!“
Mit offenem Mund starrte sie ihn an.
„And good morning to you too! And I did not!“
„Skye, ich kenne die Geräusche. Die einzige, rationale Erklärung wäre, wenn ihr euch ein altes Sextape von euch angeschaut hättet.“
„Wir haben nie … und noch mal: Wir hatten keinen Sex. Er hat mir nur bei etwas geholfen.“
Verständnislos schaute er sie an.
„Bei was soll er dir geholfen haben?“
„Einem Orgasmus oder … eher drei. Letzte Nacht ist etwas blurry…“
Jungkook schlug die Hände über die Ohren.
„Komm, dass ist jetzt wirklich albern. Wir sollten uns eher Gedanken machen, wieso aus deinem Zimmer keine Geräusche kommen.“
Das war hier doch das Problem. Er war jung, war süß … okay, eher sexy und sah gut aus. Wieso brauchte er keine ‚Hilfe‘?
„Weil es manchen Leuten nicht so einfach fällt jemanden kennenzulernen. Du bist vielleicht Charlie in der Schokoladenfabrik, aber ich fühle mich manchmal wie Rotkäppchen.“
„Verloren im Wald?“
„Verfolgt vom bösen Wolf!“
Skye lachte fröhlich und Jungkook fühlte sich nicht ernstgenommen.
Jungkook fuhr irgendwann los ins Fitnessstudio und beschwerte sich – mal wieder – darüber, dass sie keines im Haus hatten. Sie hatten so viele ungenutzte Räume, vielleicht würde sie ein Fitnessstudio machen, doch wie gesagt, anfangs hatte sie andere Probleme gehabt und sie wohnte ja auch erst seit 3 Monaten hier. Immerhin hatten sie ein Schwimmbad, was die Tage mit Wasser gefüllt werden sollte. Skye würde sich die nächsten Monate nicht trauen in Flossen zu steigen. Flossen verdrängten viel Wasser und sie befürchtete, dass der Bänderriss sie einige Monate tauchunfähig machen würde. Sie könnte den Scooter nehmen, sollte sie denn irgendwann auf Fiji landen. Vielleicht sollte sie die Zeit an Land nutzen, um etwas Sinnvolles zu tun. Nächstes Jahr im Juni würde ihr nächstes Training für die ISS sein. Ein Fitnessstudio im Haus wäre vielleicht gar nicht so blöd. Skye brauchte etwas, was sie regelmäßig machte. Idols betreuen galt offiziell noch nicht als Sport.
Jedenfalls hatte sie schon, seit sie die Insel auf Fiji hatte, darüber nachgedacht einen Pilotenschein zu machen. Kostenmäßig war der Schein noch nicht mal das Problem, hier war es eher die Zeit, weshalb sie sich bisher noch nicht damit beschäftigt hatte. Sie hatte keine Ahnung ob oder wie lange sie hierbleiben würde. Nun musste sie nur eine Flugschule finden, die den Schein in Englisch anbot, denn ihr Koreanisch war zwar gut, aber hier würde es um Technik und Chemie und lauter Fachbegriffe gehen, die sie sich in Koreanisch nicht zutraute – immerhin würde ihr Leben davon abhängen, dass sie das alles verstand. Ein Pilotenschein sollte so 10 Monate dauern und dann könnte sie einen Schein für Wasserflugzeuge machen, wobei sie das wahrscheinlich dann in Amerika machen würde.
Sie stürzte sich ins Internet. Es gab verschiedene Verbände, ähnlich wie beim Tauchen und nicht jeder Schein wurde überall anerkannt. Die meisten koreanischen Flugschulen boten zwar Unterricht auf Englisch an, doch die Prüfungen waren auf Koreanisch. Das machte in ihren Augen keinen Sinn. Allerdings gab es in Osan einen Flug-Club, zu dem nur Amerikaner Zugang hatten, den würde sie mal anschreiben und gucken.
Danach ging sie wieder an Chens Überraschung. Heute oder Morgen sollte es fertig werden und dann konnte sie es in Auftrag geben. Vielleicht hatte sie sich etwas reingesteigert, aber sie wollte ihn aufmunternd. Noch wusste Chen nicht, wann er mit den anderen sprechen würde. Es ging ihm nicht gut. Einerseits freute er sich und Skye sah ihn auch in der Vaterrolle, andererseits machte er sich Sorgen um seine Karriere. Sie hatte vorgeschlagen, dass er sich mal mit Donghae zusammensetzen sollte, der für Idol-Verhältnisse auch früh Papa geworden war. Doch das konnte er erst, wenn er mit EXO gesprochen hatte. Und mit den Managern. Skye wünschte, dass sie irgendwie helfen könnte und sie bereute den Skandal mit Jongin, denn es waren ziemlich viele Päckchen, die die Band im Moment tragen musste. Das mit Jongin wäre vermeidbar gewesen. Vielleicht würden sie die ‚Beziehung‘ auch nicht bestätigen, nachdem die Sache mit Chen bekannt wurde. Auch wenn sie SME oft verflucht hatte, im Moment wollte sie nicht in der Haut der PR Leute stecken.
Zwei Stunden später klingelte ihr Handy. Es war Taehyung und sie ignorierte es. Es klingelte erneut. Sie wusste, dass es unhöflich war, aber nein, eigentlich nicht. Sie könnte genauso gut in einem Meeting sitzen. Taehyung wusste vielleicht noch nicht, dass sie ihre Anteile verkaufen würde. Es war also absolut möglich, dass sie arbeitete.
Als er dann das dritte Mal anrief, erbarmte sie sich.
„Yoboseo?“
„Dein Sicherheitsmann lässt mich nicht rein!“
„Gut, dann macht er endlich das, wofür er bezahlt wird“, erwiderte sie trocken, denn in der Vergangenheit hatte er ziemlich viele Leute durchgewunken. Was Taehyung betrifft, hatte er eine klare Ansage: Wegschicken, nicht nachfragen.
„Lala, ich möchte reden.“
„Als ich reden wollte, war der Zeitpunkt ‚ungünstig‘ – tja, jetzt ist es bei mir super ungünstige, bitte sende eine schriftliche Terminanfrage. Ciao.“
Und damit legte sie auf. Sie war Fort Knox, niemand würde hier reinkommen.
Ein paar Minuten später klingelte ihr Telefon wieder. Diesmal war es Namjoon. Sie rollte genervt die Augen.
„Hast du den Kürzeren gezogen?“ Sicher wollte sie keiner freiwillig anrufen.
„Den Kürzeren von was?“
„Vergiss es, wie kann ich dir helfen?“
„Lass ihn rein.“
„Nein.“
„Bitte.“
„Jetzt sagst du bitte?!“
„Skye, er will reden, es geht ihm beschissen.“
„Und es ist egal, wie es mir geht?“
„Natürlich nicht, aber vielleicht könnt ihr so etwas wie Frieden schließen.“
„Ich bin Amerikanerin – wir sind besser im Krieg, als im Frieden.“
„Skye … für unsere Freundschaft, bitte lass ihn rein.“
Sie merkte, dass sie den Bogen bald überspannt hätte.
„Meinetwegen, aber ich verspreche nicht, dass ich nett bin.“
„Davon bin ich ausgegangen.“
Als nächstes rief sie bei dem Sicherheitsmann an und sagte ihm, dass er Taehyung in 15 Minuten passieren lassen könnte. Wieso in 15 Minuten? Skye musste Dinge vorbereiten.
Schließlich stand Tae vor der Tür. Er hatte inzwischen eine Stunde vor dem Tor gestanden und war auch etwas genervt. Skye machte ihm die Tür auf.
„Folge mir.“
Er legte den Kopf leicht in den Nacken. Es war keine gute Idee gewesen, aber jetzt war er hier. Die Blondine führte ihn weiter hinten in einen leeren Raum. Zwei Stühle standen dort, getrennt von einer weißen Linie in der Mitte des Raums. Ansonsten stand nur ein kleiner Tisch dort mit einer Eieruhr, die Skye umdrehte, bevor sie sich hinsetzte. Irritiert schaute er sich um.
„Wieso sind wir in diesem Raum?“
„Sollte ich dich umbringen, kann ich die Spuren hier leichter beseitigen. Deine drei Minuten laufen.“
Sie nahm sich das Schreibbrett, dass auf ihrem Stuhl gelegen hatte. Sie würde ihn nicht unterbrechen, würde sich aber Notizen machen und Fragen aufschreiben.
„Meinst du nicht, dass ich mehr als drei Minuten verdient habe?“
„Meinst du nicht du nicht, dass ich mir gerne die Demütigung, dass du vor deinen Bandkollegen mit mir Schluss machst, erspart hätte?“
„Genau genommen hast du mit dir für mich Schluss gemacht.“
Fair Point.
„Ich wusste nicht, dass Jungkook dich mitbringt. Ich wollte warten, bis die Konzerte rum sind.“
„Ach, bist du also heute gekommen und offiziell Schluss zu machen?“
Skye wusste, dass sie ekelig war, wenn man mit ihr stritt, aber sie war weit davon entfernt Mitleid zu haben.
„Skye, es tut mir leid. Ich liebe dich und du hast recht, ich liebe BTS mehr. Ich habe gehofft, dass wir es hinbekommen, aber du musst auch ehrlich zu dir sein, denn du hast immer noch Gefühle für Jongin, man kann es sehen. Jeder sieht es. Wie ihr miteinander umgeht, wie du in seinen Armen liegst – du würdest nie so mit ihm umgehen, wenn du dich nicht wohlfühlen würdest. Ihr zankt euch, aber eigentlich auch nur, weil ihr einander nicht egal seid.“
„Also beendest du es, bevor ich es beende? Das ist Bullshit Taehyung. Jongin wäre immer ein Teil meines Lebens gewesen, aber ich hatte mich für dich entschieden und du treibst mich in seine Arme.“
Er wäre so gerne zu ihr gegangen, hätte ihre Hand genommen, doch er wagte es nicht die weiße Linie zu überschreiten.
„Manchmal bedeutet Liebe auch jemanden gehen zu lassen. Ich weiß, dass du noch immer Angst hattest, dass etwas passiert. Du hast mir nie wirklich vertraut, du hast es versucht, das weiß ich. Aber vielleicht ist es besser es zu beenden, bevor es noch mehr wehtut.“
Die Sanduhr war schon abgelaufen, aber Skye achtete nicht darauf.
„Ich habe dich gefragt Tae, wegen Jongin, ich habe dich bei allem gefragt.“
„Und was hätte ich sagen sollen? Hätte ich ‚nein‘ sagen sollen und dann?“
„Hätte ich das Gefühl gehabt, dass du zu mir stehst.“
„Ich wünschte es wäre so einfach. Vielleicht hätten wir Jahre funktionieren können, aber du hättest dich gefragt ‚was wäre, wenn‘ und ich hätte gewusst, dass ich vielleicht nicht das bin, was du wirklich willst und wir wären beide unglücklich gewesen, aber auch so respektvoll, dass wir dem anderen das Herz nicht brechen würden. Ich bin nicht gut mit Beziehungen, mir fehlt die Übung, dass weiß ich, aber ich verstehe, wenn man einen Schritt zurückmachen muss, um sich das Big Picture anzuschauen.“
„Beziehung heißt, dass man seinem Partner das Gefühl gibt, dass es nur ihn gibt.“
„Du wusstest, dass du dir diesen Platz mit BTS teilen musst. Ich hätte nicht öffentlich zu dir stehen können, auch wenn ich es gerne in die Welt rausgebrüllt hätte. Alles, was ich gesagt habe, habe ich ernst gemeint. Ich liebe dich und ich wäre der glücklichste Mann auf dieser Welt, dich meine Frau nennen zu können. Auch wenn es nur ein Traum war, weil ich wusste, dass es nie passieren könnte und es tut mir leid, wenn ich dich damit verletzt habe. Es tut mir leid, dass du deine Karriere für uns beendet hast. Das hätte niemals zur Debatte stehen dürfen, denn ich kann nichts von dir verlangen, was ich selbst nicht bereit bin zu tun.“
Sie musste an Alice in Wunderland denken, als Alice fragte ‚How long is forever?‘ und der White Rabbit antwortete ‚Sometimes, just one second‘. Taehyung und Skye waren sehr unterschiedlich und doch waren sie liebevoll miteinander umgegangen. Doch vielleicht hatte er recht, vielleicht war es nur ein Traum und sie hatten sich etwas vorgemacht und für den Moment war es wie ‚für immer‘ gewesen.
Sie schaute zu ihm und seufzte.
„Okay, willst du jetzt von mir hören, dass es mir besser geht, weil … nein.“
„Ich finde du hast mehr Worte verdient, als das was im Dorm gelaufen ist. Wenn du es willst, werde ich immer da sein. Du hast vielleicht nie deine Unsicherheit mir gegenüber abgelegt, aber ich habe nie die Unsicherheit Jongin gegenüber abgelegt.“
„Du hättest es sein können.“
Er lächelte.
„Das ist eine Lüge, aber eine, die ich gerne höre.“
Wieso war er sich so sicher, dass sie und Jongin zusammengehörten? Noch nicht mal Skye war sich sicher.
„Vielleicht, wenn wir uns in 10 Jahren kennengelernt hätten, hätte ich der Mann sein können, den du an deiner Seite brauchst. Es tut mir leid, dass ich mich noch nicht für Liebe entscheiden kann, dass ich noch nicht kämpfen kann, aber ich habe dir genug wehgetan.“
Skye wischte die verräterischen Tränen weg. All das hier war so furchtbar. Tief in ihr drinnen wusste sie, dass er recht hatte. Und es war okay. Er stellte die Karriere über das Chaos und es war okay. Sie wusste noch vor der Promotion … damals hatte er sie weggestoßen und es war gemein und furchtbar. Ein hin und her. Ja, nein, doch, vielleicht, niemals.
Noch immer traute er sich nicht über die weiße Linie, dabei würde er sie so gerne in den Arm nehmen. Sein Körper schmerzte, weil er versuchte dieses Bedürfnis zu unterdrücken. Auch er weinte. Es war alles so … durcheinander. Er hatte versucht es zu ordnen. Die Entscheidung für BTS war die einfache Entscheidung, die feige Entscheidung und er wusste das. Sie war eine Frau zum Heiraten und er wusste, dass er diese Chance wohl auf immer verspielt hatte. Dabei war das letzte, was er wollte, dass sie verletzt war. Er hatte immer versucht sie zu schützen, aber sie war so ein Sturkopf und hatte sich in den Kopf gesetzt, dass sie funktionieren könnten, während er von Anfang an nur gehofft hatte. Es war ein Traum, doch es wurde Zeit daraus aufzuwachen. Sie hatte das nicht verdient und er irgendwie auch nicht.
„Hast du … hast du Hunger?“, fragte sie schluchzend und beide mussten lachen.
„Ja, ich denke schon.“
Sie stand auf und als er es ihr gleichtat, fiel sie ihm in die Arme. Er drückte sie feste an sich. Er vermisste sie.
„Folge deinem Herzen, halte dich nicht zurück wegen mir, ich bin … ich bin nicht okay, aber … ich bin okay.“
„Why are you always trying to be the decent person?“
„Damit ich eines Tages jemanden wie dich verdient habe.“
Frau Park hatte für sie einen Nudelauflauf gemacht und so wie Skye die Haushälterin kannte, hatte sie genug für 6 Leute gemacht. Frau Park schaute fragend, als die beiden verheult in die Küche kamen, doch sie war diskret genug, um nichts zu sagen. Wortlos stellte sie noch einen Teller hin und holte den Auflauf aus dem Ofen. Sie ließ die beiden alleine und sagte, dass sie Wäsche machen ging. Frau Park war toll.
Sie wusste es nicht, ob sie Taehyung in ihrem Leben ertragen würden. Vielleicht irgendwann, aber noch nicht jetzt. Dabei hatte sich Skye so an ihn gewöhnt. Er hatte sie in Paris gefunden. Sie hatte es gewusst, sie hätten einfach in Disneyland bleiben sollen. In Disneyland war alles okay.
„Was ist das für ein Ding mit Siwon?“, fragte er irgendwann.
„Er will eine Chance.“
„Hm.“
„Was heißt hier denn ‚hm‘?“
„Weiß nicht … Siwon … ich denke, er sieht gut aus, aber meinst du nicht er ist etwas zu … konservativ für dich?“
Was hatte eigentlich jeder gegen Siwon?
„Vielleicht ist er das nur nach außen und er entpuppt sich als Partyanimal. Er will ein Date, er kriegt ein Date.“
„Hm“, machte Taehyung wieder und sie piekste ihn mit ihren Stäbchen. Ja, Skye aß Nudelauflauf mit Stäbchen.
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Stunden später kam Jungkook nach Hause und er hatte nicht nur seine Sporttasche, sondern auch noch eine große Einkaufstasche. Skye saß im Kaminzimmer mit ihrem Laptop, als er zu ihr kam und anfing die Sachen aus der Tüte auf den Beistelltisch zu legen. Mülltüten, Chlor, Seile, eine Handsäge und Kabelbinder.
Die Amerikanerin zog die Augenbrauen zusammen.
„Schon okay, ich verstehe das, wir brauchen nur eine gute Coverstory und wir schauen im Internet schon nach Taehyung Look-Alike, die vielleicht nur ein paar Schönheits-Ops brauchen. Seine Stimme hat er durch einen Luftröhrenschnitt verloren, wir inszenieren einen Autounfall, wir haben einen Puffer von mindestens einem halben Jahr, bis man sein Gesicht wieder irgendwo sehen muss.“
„Ich habe ihn nicht getötet!“
Aber irgendwie schön, dass er bereit wäre mit ihr einen Mord zu verstecken.
„Oh … unvorhergesehen … ja, wir lassen die Sachen mal hier, man weiß ja nie …“
Skye lachte fröhlich, als er loszog, um die Sachen unten im Keller zu verstauen.